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Salto 2025 - "Revoluzio"
www.saltoshow.ch ; 175 Showfotos

Kloten, 22. November 2025: Steampunk ist eine Zukunftsvision. Aber eine aus der Sicht der Vergangenheit. Es geht um Menschen in der Zeit von Jules Vernes, in der Zeit der industriellen Revolution, die sich ausmalen, wie künftige Zeiten aussehen könnten. Da der Gedanke an Elektrizität und Computerchips noch fern liegt, stellen sie sich eine Welt vor, in der Dampfmaschinen und komplexe Mechanik die Spitze des Fortschritts darstellen. „Salto“, der Circus der anderen Art aus dem Hause Gregory Knie, entführt mit seiner Show „Revoluzio“ in ein zauberhaftes Steampunk-Universum.

Schon beim Betreten des Vorzeltes am Flughafen Zürich beginnt unsere Reise. Über dem zentralen Getränkestand zieht eine Modelleisenbahn mit Dampflokomotive ihre Kreise. Mitglieder des Ensembles streifen durchs festlich-weihnachtlich dekorierte Foyer – mit kleinen Koffern in der Hand und in typischen Outfits der Steampunk-Bewegung. Gehröcke, Fliegerbrillen und lange Mäntel im viktorianischen Stil gehören dazu. Beim Eintritt ins große Spielzelt, das dank der außen liegenden Bogenmasten beste Sicht von allen Plätzen bietet, fällt der veränderte Artisteneingang in den Blick. Sein großes, breites Portal wurde mit unzähligen messingfarbenen, ineinander greifenden Zahnrädern verziert.


Opening, Derek Scott

„Revoluzio“ ist also der Titel dieser Produktion und jede Revolution ist auch ein Aufbruch zu etwas Neuem, in eine neue Zeit. Hier in eine Ära, in der man die Mechanik arbeiten sieht. Es zischt, es dampft, es dreht sich. Ein Gegenmodell zur „realen Zukunft“, die wir heute mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz erleben. Und wir werden tatsächlich Zeugen eines Aufbruchs, denn im Hintergrund des Bühnenbildes hängt das Bahnhofsschild der „Salto Station“. Der Zughalt wird auf Plattform 3 angekündigt. Eine weitere Modelleisenbahn fährt im Opening einmal die Kante der kreisrunden Bühne entlang. Ein ganzes Dutzend Männer und Frauen tanzt auf den Treppenaufgängen der Tribüne, fünf Männer mit Besen, Staubwedeln und Eimern putzen ebenso tanzend die Spielfläche. Und als zentrale Figur der Show – die auch das schöne Plakatmotiv ziert – wird ein „Sternenfänger“ eingeführt, verkörpert von dem kanadischen Komiker Derek Scott. Er schwebt auf einem goldenen Halbmond. Später bringt er mit seinem fahrbaren Mond immer wieder Artisten der Show auf die Bühne. Das Opening gipfelt in einem energetischem Tanz des gesamten Ensembles zu Michael Jacksons „They don‘t care about us“. Mit seiner Aufforderung zum Widerstand greift diese Hymne implizit das Motto „Revoluzio“ auf, lässt an den Kampf von Freigeistern und Rebellen gegen eine übermächtige, (vor-)industrielle Maschinerie denken.


Barren, Masha Terentieva, Luxors Jugglers

Trotz der Einbettung in einen erzählerischen Gesamtrahmen, trotz des enormen Aufwandes ist „Salto“ auch in diesem Jahr wieder vor allem ein starkes, flüssig ablaufendes Circusprogramm, in Szene gesetzt mit exquisitem Licht und ebensolchem Ton, mitreißender Livemusik und modernem Tanz. Für diesen Kurs steht das Kreativteam mit Geschäftsführerin Anja Walder, der artistischen Leiterin Mariana Rodrigo, Star-Choreograph Fidel Buika, Dimitri Monstein (Musik), Diego Diaz (Licht), Jaume Trobat (Ton) sowie Stela Verebceanu (Kostüme). Erneut wurden jenseits ausgetretener Pfade attraktive Darbietungen gefunden, von denen auch für uns versierte Besucher die allermeisten neu waren. Den Auftakt macht eine Truppe aus Puyang in China am Russischen Barren. Gleich elf Herren und drei der federnden Balken sind hier involviert. Damit werden auch Sprünge und Salti von dem einen, im rechten Winkel dazu angeordneten Balken zum anderen möglich. Besonders spektakulär wirken natürlich auch Salti in der „dritten Etage“: Am Boden stehen vier Artisten und tragen zwei Barrenstangen auf ihren Schultern, darauf wiederum stehend tragen zwei weitere Akteure die dritte Stange – und von dieser aus springt der wagemutige Flieger und landet wieder. Freilich bleibt bei einer solch personenstarken Truppe auch nicht aus, was bei einem klassischen Trio am Russischen Barren nicht möglich wäre: Hilfestellung beim Landen, etwa bei einem dreifachen Rückwärtssalto als einem der Spitzentricks. In das Motiv der Reise fügt sich die Luftakrobatik von Masha Terentieva auf und an einem goldfarbenen Hotel-Kofferwagen. Das Gestell bietet verschiedene Möglichkeiten für akrobatische Tricks. So hängt die junge, blonde Frau sich nur mit einem Ellenbogen oder den Füßen haltend an der zentralen Kleiderstange. Sehr eindrucksvoll ist auch der freie Stand auf der Plattform, während diese in großer Höhe rotiert. Benjamin Bocconi begleitet diesen Auftritt mit seiner starken Stimme und seiner Interpretation von „La Bohème“. Ebenso untermalt er gesanglich den Tanz des sechsköpfigen Balletts – vier Damen, zwei Herren in herrlichen Steampunk-Kostümen – zu Swingmusik. Alle Facetten einer hervorragenden Gruppenjonglage beherrschen die „Luxors Jugglers“ aus Russland. Vier Herren und eine Dame lassen die Keulen fliegen, während sie in unterschiedlichen Positionen zueinander stehen, dies auch zum Zwei- und zum Drei-Personen-Hoch oder allesamt hintereinander auf dem Boden liegend. Dann werden zwei Artisten an Seilen in die Luft gezogen und präsentieren dort Passings mit sechs Keulen. Den Abschluss der Trickfolge bildet das Fangen von Ringen, die die Kollegen in großer Zahl und hoher Geschwindigkeit zuwerfen, genretypisch zunächst mit einem Schein-Patzer verkauft, der die Stimmung weiter anheizt.


Truppe aus Puyang, Pauseneinleitung

Die märchenhafte Stimmung der Grunderzählung steht wieder im Vordergrund, wenn der „Sternenfänger“ auf eine Hasenfigur im Steampunk-Style trifft. So werden auch Assoziationen an „Alice im Wunderland“ geweckt. Die Szene mündet in einer Musiknummer mit der auf sechs Musiker erweiterten Band, die hierzu den Platz im Hintergrund mit der Bühnenkante ganz vorne tauscht. Die Herren spielen nicht nur fabelhaft einen fröhlichen Phil-Collins-Song, sondern sind ebenfalls in schöne Steampunk-Kostüme gekleidet. Die Truppe aus Puyang begeistert uns mit ihrem Reifenspringen. Zunächst geht es durch zwei Ringe, die sich an einem Gestell im Kreis drehen, dann durch immer höhere Türme aus aufeinander gestapelten Sechsecken mit ringförmiger Öffnung. Auch Sprünge ganz ohne Ringe – quasi in der Art einer Fasttrack-Nummer – sind Teil des Repertoires. Die Pause wird eingeleitet vom Ballett, „Sternenfänger“ Derek Scott und Daniel Simu mit seiner erstaunlichen, beweglichen Figur, die aus einem Rumpf mit langen Armen und Beinen besteht. Insgesamt ist der erste Programmteil mit seinen drei großen Truppennummern stark, aber mit 40 Minuten auch sehr kompakt.


Ballett mit Sänger Benjamin Bocconi, Pal's Company

Ganz anders konzipiert ist Hälfte zwei, die sich eine volle Stunde Zeit nimmt und diese im artistischen Bereich mit einem Solisten, drei Duos und einem Trio füllt. Auf dem bereits aufgebauten Schleuderbrett sitzend, beobachtet nun der „Sternenfänger“ die bewegliche Figur, die sich selbständig macht. Ein weitere Musik- und Tanznummer mit der Liveband, dem Ballett und dem Sänger leitet über zum ungarischen Duo Pal's Company, das an der Koreanischen Wippe mit sehr hohen Sprüngen, herkömmlichen und gestreckten Salti, Pirouetten und Platzwechseln von der einen auf die andere Seite des Requisits überzeugt und Stimmung macht.


Figurant, Derek Scott, Daniel Simu mit "Acrobot"

Aus einer Klappe im Bühnenboden erscheint die Hasenfigur und überreicht dem „Sternenfänger“ Derek Scott ein geheimnisvolles Kästchen, welches eine Tröte enthält. Diese nutzt der Beschenkte, um mit dem Publikum ein ausführliches Klatschspiel zu beginnen. Dabei haben die Gäste in den verschiedenen Blöcken unterschiedliche Aufgaben zu lösen – ein interaktiver Mitmach-Spaß, mit dem er die Lacher auf seiner Seite hat. Die einzige explizite Comedy-Nummer in dieser Show. Durch eine heitere Note immerhin zeichnet sich die Hauptnummer von Daniel Simu aus. Der Niederländer präsentiert nun eine größere Variante seiner beweglichen Figur, den „Acrobot“, der wiederum aus einem Rumpf mit einem erstaunlichen technischen Innenleben sowie stangenförmigen Armen und Beinen besteht. Mensch und Maschine interagieren hier in einer Hand-auf-Hand-Nummer der besonderen Art. Die beiden „Partner“ absolvieren verschiedenste Figuren dieser Disziplin. Eine originelle Darbietung, die auch gut zu dem technischen Thema der Steampunk-Bewegung passt. Außer dem sympathischen Künstler selbst ist auch sein wunderbares Kostüm eine Erwähnung wert: ein grüner Anzug mit „Revoluzio“-Schriftzug auf dem rechten Hosenbein und schönen Spielkartenmotiven auf dem Sakko.


Fly, On Exhale

Aus Taiwan/China kommt das Trio Fly, das seine tollen Interaktionen mit Diabolos beim vergangenen Cirque de Demain in Paris Silber gewonnen hat. Da wird ein Diabolo nach einem Salto in der Luft gefangen, da werden gemeinsam sechs Diabolos auf die Reise geschickt und werden die Doppelkegel auf sehr langen Schnüren bewegt. Habe ich bis zu diesem Zeitpunkt immer mal wieder kurze Sequenzen der Show in Videos festgehalten, nimmt mich die Show in der nun folgenden Schlussphase so gefangen, dass ich alles um mich herum vergesse. Das Smartphone inklusive. Stattdessen verfolge ich gebannt die Luftakrobatik des Duos „On Exhale“ („Beim Ausatmen“) aus Russland. Sergei und Ekaterina faszinieren an den Strapaten mit Figuren, die wir so noch nicht gesehen haben. Schon im ersten Teil der Nummer lässt die Partnerin sich, aus dem Stand mit einem Fuß auf einer seiner Schultern, fallen und wird in seinen Armen gefangen. Weitere Bewegungsabläufe – die Kraft und Beweglichkeit zugleich erfordern – sind so neuartig, so riskant, so komplex, dass wir sie hier kaum in Worte fassen können. Den Atem raubt ihr Sprung mit halber Drehung – sich zuvor in seinem Nacken haltend, dann mit seinen Füßen unter ihren Achseln gefangen. Zuletzt stürzt sie sich aus großer Höhe nach unten und stoppt mit einem Klammergriff um seinen Oberkörper. Dafür gab es Gold in Girona, in Chimelong und beim Artists-Festivals im Moskauer Nikulin-Circus!


Duo Spinfusion, Finale

Ein gefühlvoll-emotionaler Tanz des Balletts zum großartig live gesungenen „Ordinary“ geht über in eine musikalische Nummer der Band zum schwungvollen „Rock this feeling“. Hier sorgen die Musiker mit Schlagzeuger und zusätzlich Percussionist für ein musikalisches Feuerwerk voller Rhythmus. Ohnehin stehen bei „Salto“ Musik und Tanz traditionell gleichberechtigt neben der Artistik, was auch bei der Schlussnummer zum Ausdruck kommt. Hierfür wurden Weltmeister im Rollstuhltanz verpflichtet. Edelyn und ihr Partner Julius alias Duo Spinfusion steigern sich in einen wahren Rausch aus blitzschnellen Drehungen und kombinieren dies mit Hebefiguren und sogar luftakrobatischen Elementen an Strapaten. Auch mit seiner Ausdrucksstärke und tiefer Emotionalität demonstriert das attraktive Paar den Triumph des menschlichen Willens über alle Einschränkungen. Mithin auch eine „Revolution“.

„Don’t stop me now“ ist passend dazu das musikalische Motto des Finales, in dem sich das über 40-köpfige Ensemble auf der Bühne versammelt. Solch große Line-ups und der enorme Produktionsaufwand gehören seit jeher zum Markenkern dieser Show, deren Ausgaben wir nun auch bereits seit mehr als 15 Jahren treu verfolgen. Beifall im Stehen für diese Circus-„Revolution“ der wundervollen Art.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll