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Schon beim
Betreten des Vorzeltes am Flughafen Zürich beginnt unsere Reise.
Über dem zentralen Getränkestand zieht eine Modelleisenbahn mit
Dampflokomotive ihre Kreise. Mitglieder des Ensembles streifen
durchs festlich-weihnachtlich dekorierte Foyer – mit kleinen
Koffern in der Hand und in typischen Outfits der
Steampunk-Bewegung. Gehröcke, Fliegerbrillen und lange Mäntel im
viktorianischen Stil gehören dazu. Beim Eintritt ins große
Spielzelt, das dank der außen liegenden Bogenmasten beste
Sicht von allen Plätzen bietet, fällt der veränderte
Artisteneingang in den Blick. Sein großes, breites Portal wurde
mit unzähligen messingfarbenen, ineinander greifenden Zahnrädern
verziert.
 
Opening, Derek
Scott
„Revoluzio“ ist also der Titel dieser Produktion und jede
Revolution ist auch ein Aufbruch zu etwas Neuem, in eine neue
Zeit. Hier in eine Ära, in der man die Mechanik arbeiten sieht.
Es zischt, es dampft, es dreht sich. Ein Gegenmodell zur „realen
Zukunft“, die wir heute mit Digitalisierung und künstlicher
Intelligenz erleben. Und wir werden tatsächlich Zeugen eines
Aufbruchs, denn im Hintergrund des Bühnenbildes hängt das
Bahnhofsschild der „Salto Station“. Der Zughalt wird auf
Plattform 3 angekündigt. Eine weitere Modelleisenbahn fährt im Opening einmal die Kante der kreisrunden Bühne entlang. Ein
ganzes Dutzend Männer und Frauen tanzt auf den Treppenaufgängen
der Tribüne, fünf Männer mit Besen, Staubwedeln und Eimern
putzen ebenso tanzend die Spielfläche. Und als zentrale Figur
der Show – die auch das schöne Plakatmotiv ziert – wird ein
„Sternenfänger“ eingeführt, verkörpert von dem kanadischen
Komiker Derek Scott. Er schwebt auf einem goldenen Halbmond.
Später bringt er mit seinem fahrbaren Mond immer wieder Artisten
der Show auf die Bühne. Das Opening gipfelt in einem
energetischem Tanz des gesamten Ensembles zu Michael Jacksons „They
don‘t care about us“. Mit seiner Aufforderung zum Widerstand
greift diese Hymne implizit das Motto „Revoluzio“ auf, lässt an
den Kampf von Freigeistern und Rebellen gegen eine übermächtige,
(vor-)industrielle Maschinerie denken.
  
Barren, Masha Terentieva, Luxors Jugglers
Trotz der Einbettung in einen erzählerischen Gesamtrahmen, trotz
des enormen Aufwandes ist „Salto“ auch in diesem Jahr wieder vor
allem ein starkes, flüssig ablaufendes Circusprogramm, in Szene
gesetzt mit exquisitem Licht und ebensolchem Ton, mitreißender
Livemusik und modernem Tanz. Für diesen Kurs steht das
Kreativteam mit Geschäftsführerin Anja Walder, der artistischen
Leiterin Mariana Rodrigo, Star-Choreograph Fidel Buika, Dimitri
Monstein (Musik), Diego Diaz (Licht), Jaume Trobat (Ton) sowie
Stela Verebceanu (Kostüme). Erneut wurden jenseits ausgetretener
Pfade attraktive Darbietungen gefunden, von denen auch für uns
versierte Besucher die allermeisten neu waren. Den Auftakt macht
eine Truppe aus Puyang in China am Russischen Barren. Gleich elf
Herren und drei der federnden Balken sind hier involviert. Damit
werden auch Sprünge und Salti von dem einen, im rechten Winkel
dazu angeordneten Balken zum anderen möglich. Besonders
spektakulär wirken natürlich auch Salti in der „dritten Etage“:
Am Boden stehen vier Artisten und tragen zwei Barrenstangen auf
ihren Schultern, darauf wiederum stehend tragen zwei weitere
Akteure die dritte Stange – und von dieser aus springt der
wagemutige Flieger und landet wieder. Freilich bleibt bei einer
solch personenstarken Truppe auch nicht aus, was bei einem
klassischen Trio am Russischen Barren nicht möglich wäre:
Hilfestellung beim Landen, etwa bei einem dreifachen
Rückwärtssalto als einem der Spitzentricks. In das Motiv der
Reise fügt sich die Luftakrobatik von Masha Terentieva auf und
an einem goldfarbenen Hotel-Kofferwagen. Das Gestell bietet
verschiedene Möglichkeiten für akrobatische Tricks. So hängt die
junge, blonde Frau sich nur mit einem Ellenbogen oder den Füßen
haltend an der zentralen Kleiderstange. Sehr eindrucksvoll ist
auch der freie Stand auf der Plattform, während diese in großer
Höhe rotiert. Benjamin Bocconi begleitet diesen Auftritt mit
seiner starken Stimme und seiner Interpretation von „La Bohème“.
Ebenso untermalt er gesanglich den Tanz des sechsköpfigen
Balletts – vier Damen, zwei Herren in herrlichen
Steampunk-Kostümen – zu Swingmusik. Alle Facetten einer
hervorragenden Gruppenjonglage beherrschen die „Luxors Jugglers“
aus Russland. Vier Herren und eine Dame lassen die Keulen
fliegen, während sie in unterschiedlichen Positionen zueinander
stehen, dies auch zum Zwei- und zum Drei-Personen-Hoch oder
allesamt hintereinander auf dem Boden liegend. Dann werden zwei
Artisten an Seilen in die Luft gezogen und präsentieren dort
Passings mit sechs Keulen. Den Abschluss der Trickfolge bildet
das Fangen von Ringen, die die Kollegen in großer Zahl und hoher
Geschwindigkeit zuwerfen, genretypisch zunächst mit einem
Schein-Patzer verkauft, der die Stimmung weiter anheizt.
 
Truppe aus Puyang,
Pauseneinleitung
Die märchenhafte Stimmung der Grunderzählung steht wieder im
Vordergrund, wenn der „Sternenfänger“ auf eine Hasenfigur im
Steampunk-Style trifft. So werden auch Assoziationen an „Alice
im Wunderland“ geweckt. Die Szene mündet in einer Musiknummer
mit der auf sechs Musiker erweiterten Band, die hierzu den Platz
im Hintergrund mit der Bühnenkante ganz vorne tauscht. Die
Herren spielen nicht nur fabelhaft einen fröhlichen
Phil-Collins-Song, sondern sind ebenfalls in schöne
Steampunk-Kostüme gekleidet. Die Truppe aus Puyang begeistert
uns mit ihrem Reifenspringen. Zunächst geht es durch zwei Ringe,
die sich an einem Gestell im Kreis drehen, dann durch immer
höhere Türme aus aufeinander gestapelten Sechsecken mit
ringförmiger Öffnung. Auch Sprünge ganz ohne Ringe – quasi in
der Art einer Fasttrack-Nummer – sind Teil des Repertoires. Die
Pause wird eingeleitet vom Ballett, „Sternenfänger“ Derek Scott
und Daniel Simu mit seiner erstaunlichen, beweglichen Figur, die
aus einem Rumpf mit langen Armen und Beinen besteht. Insgesamt
ist der erste Programmteil mit seinen drei großen Truppennummern
stark, aber mit 40 Minuten auch sehr kompakt.
 
Ballett mit Sänger
Benjamin Bocconi, Pal's Company
Ganz anders konzipiert ist Hälfte zwei, die sich eine volle
Stunde Zeit nimmt und diese im artistischen Bereich mit einem
Solisten, drei Duos und einem Trio füllt. Auf dem bereits
aufgebauten Schleuderbrett sitzend, beobachtet nun der
„Sternenfänger“ die bewegliche Figur, die sich selbständig
macht. Ein weitere Musik- und Tanznummer mit der Liveband, dem
Ballett und dem Sänger leitet über zum ungarischen Duo Pal's
Company, das an der Koreanischen Wippe mit sehr hohen Sprüngen,
herkömmlichen und gestreckten Salti, Pirouetten und
Platzwechseln von der einen auf die andere Seite des Requisits
überzeugt und Stimmung macht.
  
Figurant, Derek Scott,
Daniel Simu mit "Acrobot"
Aus einer Klappe im Bühnenboden erscheint die Hasenfigur und
überreicht dem „Sternenfänger“ Derek Scott ein geheimnisvolles
Kästchen, welches eine Tröte enthält. Diese nutzt der
Beschenkte, um mit dem Publikum ein ausführliches Klatschspiel
zu beginnen. Dabei haben die Gäste in den verschiedenen Blöcken
unterschiedliche Aufgaben zu lösen – ein interaktiver
Mitmach-Spaß, mit dem er die Lacher auf seiner Seite hat. Die
einzige explizite Comedy-Nummer in dieser Show. Durch eine
heitere Note immerhin zeichnet sich die Hauptnummer von Daniel
Simu aus. Der Niederländer präsentiert nun eine größere Variante
seiner beweglichen Figur, den „Acrobot“, der wiederum aus einem
Rumpf mit einem erstaunlichen technischen Innenleben sowie
stangenförmigen Armen und Beinen besteht. Mensch und Maschine
interagieren hier in einer Hand-auf-Hand-Nummer der besonderen
Art. Die beiden „Partner“ absolvieren verschiedenste Figuren
dieser Disziplin. Eine originelle Darbietung, die auch gut zu
dem technischen Thema der Steampunk-Bewegung passt. Außer dem
sympathischen Künstler selbst ist auch sein wunderbares Kostüm
eine Erwähnung wert: ein grüner Anzug mit „Revoluzio“-Schriftzug
auf dem rechten Hosenbein und schönen Spielkartenmotiven auf dem
Sakko.
 
Fly, On Exhale
Aus Taiwan/China kommt das Trio Fly, das seine tollen
Interaktionen mit Diabolos beim vergangenen Cirque de Demain in
Paris Silber gewonnen hat. Da wird ein Diabolo nach einem Salto
in der Luft gefangen, da werden gemeinsam sechs Diabolos auf die
Reise geschickt und werden die Doppelkegel auf sehr langen
Schnüren bewegt. Habe ich bis zu diesem Zeitpunkt immer mal
wieder kurze Sequenzen der Show in Videos festgehalten, nimmt
mich die Show in der nun folgenden Schlussphase so gefangen,
dass ich alles um mich herum vergesse. Das Smartphone inklusive.
Stattdessen verfolge ich gebannt die Luftakrobatik des Duos „On
Exhale“ („Beim Ausatmen“) aus Russland. Sergei und Ekaterina
faszinieren an den Strapaten mit Figuren, die wir so noch nicht
gesehen haben. Schon im ersten Teil der Nummer lässt die
Partnerin sich, aus dem Stand mit einem Fuß auf einer seiner
Schultern, fallen und wird in seinen Armen gefangen. Weitere
Bewegungsabläufe – die Kraft und Beweglichkeit zugleich
erfordern – sind so neuartig, so riskant, so komplex, dass wir
sie hier kaum in Worte fassen können. Den Atem raubt ihr Sprung
mit halber Drehung – sich zuvor in seinem Nacken haltend, dann
mit seinen Füßen unter ihren Achseln gefangen. Zuletzt stürzt
sie sich aus großer Höhe nach unten und stoppt mit einem
Klammergriff um seinen Oberkörper. Dafür gab es Gold in Girona,
in Chimelong und beim Artists-Festivals im Moskauer
Nikulin-Circus!
 
Duo Spinfusion, Finale
Ein gefühlvoll-emotionaler Tanz des Balletts zum großartig live
gesungenen „Ordinary“ geht über in eine musikalische Nummer der
Band zum schwungvollen „Rock this feeling“. Hier sorgen die
Musiker mit Schlagzeuger und zusätzlich Percussionist für ein
musikalisches Feuerwerk voller Rhythmus. Ohnehin stehen bei
„Salto“ Musik und Tanz traditionell gleichberechtigt neben der
Artistik, was auch bei der Schlussnummer zum Ausdruck kommt.
Hierfür wurden Weltmeister im Rollstuhltanz verpflichtet. Edelyn
und ihr Partner Julius alias Duo Spinfusion steigern sich in einen wahren Rausch aus
blitzschnellen Drehungen und kombinieren dies mit Hebefiguren
und sogar luftakrobatischen Elementen an Strapaten. Auch mit
seiner Ausdrucksstärke und tiefer Emotionalität demonstriert das
attraktive Paar den Triumph des menschlichen Willens über alle
Einschränkungen. Mithin auch eine „Revolution“. |