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Und so
wird die Show mit dem Titel „Formidable“ (deutsch: „Beeindruckend“)
nicht zu Unrecht als eine „Auswahl der Besten, die an der Weltspitze der
Zirkuskunst stehen und mit ihren Auszeichnungen von China bis Monte
Carlo internationale Triumphe feiern konnten“ angekündigt. Der
Circus-Bezug dieser Show kommt nicht von ungefähr, denn Simon Preißing
kennt sich – außer im Varieté – auch in dieser Welt bestens aus und war
vor seiner Tätigkeit bei GOP-Showkonzept auch als Redaktionsmitglied
unseres Online-Magazins bekannt.
  
GOP im Kaiserpalais
Bad Oeynhausen: Außenansicht, Theatersaal, Foyer
Das
Kaiserpalais in Bad Oeynhausen, im Nordosten von Nordrhein-Westfalen
gelegen, bietet gewiss auch den richtigen Rahmen für eine erlesene
Varietéshow. Der Bau wurde 1908 als mondänes Kurhaus eröffnet, außen
einem barocken Schloss und innen der Pariser Oper nachempfunden. Der
große Theatersaal und das Foyer vereinen Elemente des Neoklassizismus,
des Jugendstils sowie des Neobarocks. Säulen, Stuckmarmor,
stoffbespannte Wände sowie Stuck- und Kassettendecken bieten ein
prachtvolles Flair. Im Gebäude und in dem modernen Anbau sind zudem zwei
Restaurants und die Discothek Adiamo Danceclub untergebracht. So sind
alle Voraussetzungen für einen wunderbaren Varieté-Abend geschaffen.
  
Skating Donnerts,
Nancy Stauberti, Alexey Mironov und Andrey Jigalov
Nach
einem kompakten Opening mit dem größten Teil des Ensembles geht es
gleich in die Vollen, denn Ryan Donnert und Partnerin Anna Szésényi
begeistern uns auf äußerst rasante Weise mit ihren Rollschuhkünsten. „Don’t
stop me now“ liefert die musikalische Begleitung zum Beginn, und
tatsächlich könnte wohl keiner diese jungen Artisten aufhalten. Ihr
Repertoire gipfelt in einer echten Rarität, dem Wirbel der Partnerin im
Zahnhang. Von diesem gelangen wir zum Zopfhang, denn Nancy Stauberti
präsentiert uns dieses recht selten gezeigte Genre, beeindruckt dabei in
kontorsionistischen Figuren mit ihrer Beweglichkeit, außerdem mit
verschiedenen Wirbeln. Das prägende Gesicht der Show ist der russische Komiker Andrey
Jigalov in seiner Paraderolle als echter Fiesling. Ziel seiner Attacken
ist Bühnenpartner Alexey Mironov. Während dieser sein Können als großer
Querflötist beweisen will, schüttet Jigalov ihm Wasser in den Zylinder.
Doch als Mironov diesen auf seinen Kopf setzt, bleibt sein Schädel
überraschenderweise trocken. Wenn Jigalov den Zylinder-Trick im
Selbstversuch nachmachen möchte, wird er natürlich richtig nass.
Schlussendlich muss auch Partner Alexey Mironov mit einer Ladung Wasser
über dem Kopf leben. Damit setzt die Regie (Ulrich Thon) Jigalovs
bekannteste Nummer ungewöhnlicherweise an den Beginn der Vorstelllung. „Walking
at the Carwash“ heißt es musikalisch, wenn das Ensemble die Bühne
tanzend trocken wischt.
  
Pranay Werner,
Alexander Mitin, Rubel Medini
Zunächst ganz cool mit Lederjacke und Sonnenbrille, dann elegant mit
Hose, Hemd und Weste lässt Pranay Werner bis zu drei Diabolos durch die
Luft fliegen oder um sein ausgestrecktes rechtes Bein kreisen.
Abschließend schickt er beleuchtete Diabolos auf Reisen über die
abgedunkelte Bühne. Mit seinem sympathischen Lächeln hat er das Publikum
schnell auf seiner Seite. Heiter ist das Zwischenspiel von Andrey
Jigalov mit Riesenbrille und Alexey Mironov mit Violine; ernst dagegen
geht es zu bei der Handstand-Equilibristik von Alexander Mitin. Ganz in
Schwarz und in einem einzigen Fluss der Bewegungen demonstriert der
junge Mann seine hohe Flexibilität und erntet sehr starken Applaus. 2018
war er noch Preisträger beim European Youth Circus in Wiesbaden. Andrey
Jigalov wiederum möchte einen Bumerang durchs Theater fliegen lassen und
trifft am Ende – vermeintlich – einen Requisiteur am Kopf. Ein
Volltreffer dagegen ist die Rola-Rola-Nummer von Rubel Medini, den wir
im vergangenen Winter im Ravensburger Weihnachtscircus erleben durften.
Wenn der junge Italiener mit der gewinnenden Ausstrahlung auf einem Turm
aus sieben Bänken oder auf einer fragilen Konstruktion aus sieben teils
liegenden, teils stehenden Zylindern balanciert, geht das Publikum
begeistert mit. Für die Überleitung zur Pause sorgen Jigalov und Mironov.
  
Yahav Adar,
Ensemble, Duo Ice
Alexey
Mironov steht auch im Mittelpunkt eines Ensembletanzes, mit dem die
zweite Hälfte eröffnet wird. Hier freuen wir uns über ein Wiedersehen
mit Yahav Adar, deren Cyrrad-Nummer wir beim European Youth Circus im
vergangenen Herbst kennen lernten. In langen Passagen dreht sich die
gebürtige Israelin geradezu ekstatisch über die Spielfläche, sich mal
nur mit einer Hand haltend, mal nur an den angewinkelten Armen am Reif
hängend. Die Atmosphäre ist weiterhin intensiv, wenn Jenny Kastein und
Danil Biriukov alias Duo Ice mit den Mitteln der Equilibristik eine
aufregende Liebesgeschichte erzählen. Während sie dies bei Flic Flac im
Regen aus der Zeltkuppel taten, agieren sie hier auf dem Trockenen.
Dennoch bleibt die sinnliche Wirkung der Nummer erhalten, in der Jenny
Kastein zwischendurch die tragende Rolle übernimmt und am Ende auf einem
Bein auf dem Kopf ihres Partners steht. Nun ist es wieder Zeit für etwas
Entspannung, und diese bietet Andrey Jigalov, wenn er auf verschiedene
Weisen unterschiedliche Selfie-Positionen testet.
  
Olga Boiko, Duo
Stauberti, Andrey Jigalov
Auf
eine Cocktailparty-Szene mit dem Ensemble folgt ein weiteres
artistisches Glanzlicht. Luftring-Nummern gibt es zwar unendlich viele,
aber nur wenige erreichen die Qualität der Darbietung von Olga Boika. Sie zeichnet sich durch außerordentliche Rasanz aus, hier
bei den Rotationen in der Luft, für welche die Ukrainerin den gesamten
zur Verfügung stehenden Raum nutzt. Darüber hinaus besitzt sie eine
ungeheure Ausdrucksstärke. Da wundert es nicht, dass sie damit in den
vergangenen Jahren auch für die gigantischen
Weltweihnachtscircus-Produktionen in Stuttgart und Amsterdam
verpflichtet wurde. Jubel und anerkennende Pfiffe belegen die
Anerkennung des Bad Oeynhausener Publikums. Den akrobatischen Höhepunkt
erreicht die Show mit dem Auftritt des Duos Stauberti an der Perche. Es
ist schon sehr überraschend, diese enorme Raumhöhe erfordernde
Darbietung in einem Gebäude anstatt in einem Circuszelt bewundern zu
dürfen. Auch wenn der Theatersaal über eine sehr hohe Bühne verfügt,
muss Dimtri Stauberti auf einem Stuhl Platz nehmen, wenn seine Nichte
Nancy am oberen Ende einer Stirnperche im Kopfstand steht und eine
Stange mit Kugeln am Ende auf ihren Füßen kreisen lässt. Spektakulär ist
auch der einmalige Schlusstrick, bei dem er auf dem Einrad fährt,
während sie einen Handstand am anderen Ende der Stirnperche drückt. Wie
Alexey Mironov stilvoll „My Way“ interpretieren will und dabei von
Andrey Jigalov immer wieder gestört wird, das ist Thema der letzten,
herrlichen Comedy-Szene dieser Vorstellung. |